Branchenuntersuchung Fernwärme
Presseunterlage Branchenuntersuchung Fernwärme
Die wichtigsten Ergebnisse
Lokale Monopole prägen den Markt. Vor der Entscheidung für ein Heizsystem besteht Wettbewerb zwischen den möglichen Systemen. Nach dem Fernwärmeanschluss entfallen die üblichen Wechselmöglichkeiten. Lange Vertragsbindungen und hohe Anschlusskosten verstärken die Abhängigkeit.
Hohe Preise brauchen eine nachvollziehbare Erklärung. Erlöse und Kosten stiegen während der Energiekrise deutlich. Die Gewinnmargen sanken im Mehrjahresvergleich. Die Analyse ergab keine Hinweise auf systematische, durch die Kostenstruktur nicht erklärbare Gewinnsteigerungen oder missbräuchliche Preiserhöhungen. Ob der Preis eines einzelnen Haushalts missbräuchlich ist, lässt sich daraus jedoch nicht abschließend beurteilen.
Haushalte brauchen klare Rechte und Anlaufstellen. Kundinnen und Kunden sollen Preise, Verträge und Rechnungen nachvollziehen und ihre Rechte wirksam durchsetzen können. Die BWB empfiehlt dafür einen bundesweit einheitlichen Rechtsrahmen und eine unabhängige Schlichtungsstelle. Diese soll auch bei Problemen mit Mess- und Abrechnungsdienstleistern zuständig sein.
Vorgehensweise der Branchenuntersuchung
Die BWB versendete in sieben Wellen Auskunftsverlangen. Die Behörde erhob Daten von insgesamt 37 Fernwärmeversorgungsunternehmen und befragte 49 Wärmeeinspeiser sowie 151 Industriekunden. Ergänzend führte sie Gespräche mit Branchenvertreterinnen und Branchenvertretern sowie Verbraucherschutzorganisationen.
Die erfassten Fernwärmeunternehmen versorgen österreichweit knapp 290 Versorgungsgebiete mit einer Netzlänge von circa 6.500 km. Die wirtschaftliche Analyse betrachtet die Jahre 2019 bis 2024.
Ziel war es, den österreichischen Fernwärmesektor aus wettbewerblicher Sicht zu untersuchen, Wettbewerbsprobleme zu identifizieren und geeignete Maßnahmen zu empfehlen. Energiepolitische Zielsetzungen waren nicht Gegenstand dieser Bewertung. Ergeben sich aus einer Branchenuntersuchung unmittelbar Verdachtsmomente auf kartellrechtliche Verstöße, kann die BWB gesonderte Ermittlungen einleiten.
Marktstruktur und eingeschränkte Wahlmöglichkeiten
In jedem Versorgungsgebiet ist der Fernwärmeanbieter ein Monopolist. Auch österreichweit zeigt sich eine Konzentration der Netzlänge: Rund die Hälfte der erfassten Fernwärmenetzlänge wird von nur drei Unternehmen betrieben. Auf die zehn größten Fernwärmenetzbetreiber entfallen rund 85 Prozent. Ein Netzbetreiber kann dabei in mehreren Versorgungsgebieten tätig sein.
Direkte oder indirekte Anbindungszwänge können bereits die Wahl zwischen unterschiedlichen Heizsystemen einschränken. Nach der Anbindung ist auch der Wechsel des gesamten Heizsystems vielfach nicht oder nur schwer realisierbar. Bei privaten Kundinnen und Kunden beträgt die durchschnittliche Vertragsdauer 9,5 Jahre. Mieterinnen und Mieter können die Wahl des Heizsystems zudem in der Regel nicht selbst beeinflussen.
Transparenz und Zuständigkeiten
Die Untersuchung zeigt erhebliche Unterschiede zwischen den lokalen Versorgungsgebieten. Energieträger, Siedlungsdichten, Netzverluste und verfügbare Wärmequellen beeinflussen die Kosten der Versorgung. Ein unmittelbarer Preisvergleich zwischen verschiedenen Netzen ist deshalb nur begrenzt aussagekräftig. Umso wichtiger ist, dass Kundinnen und Kunden ihre Preise und deren Entwicklung nachvollziehen können.
Komplex ausgestaltete Preisänderungsklauseln erschweren es, Preisanpassungen zu überprüfen. Auch die Zuordnung von Kosten zu einzelnen Preisbestandteilen und die Verrechnung zusätzlicher Dienstleistungen sind teilweise schwer nachvollziehbar.
Mitunter stehen weitere Vertragspartnerinnen und Vertragspartner, etwa Contracting-Unternehmen, zwischen Fernwärmeunternehmen und Endkundinnen und Endkunden. Dadurch ist oft unklar, wer für eine Leistung, eine Abrechnung oder die Bearbeitung einer Beschwerde zuständig ist.
Die bestehenden rechtlichen Regelungen sind zersplittert und komplex. Anders als im Strom- und Gasmarkt gibt es für Fernwärme weder eine sektorspezifische Regulierungsbehörde noch eine unabhängige sektorspezifische Schlichtungsstelle. Die empfohlene Schlichtungsstelle soll mit Hoheitsrechten ausgestattet sein und auch Probleme mit Contractoren behandeln können. Alle beteiligten Unternehmen sollen zur Mitwirkung verpflichtet werden können.
Kostenentwicklung und Gewinnmargen
Fernwärmeunternehmen setzen zur Wärmeerzeugung verschiedene Energieträger ein. Je nach Erzeugungsmix und Preisentwicklung waren sie während der Energiekrise unterschiedlich stark von Kostensteigerungen betroffen. Die gestiegenen Brennstoffkosten trugen wesentlich zum Anstieg der Fernwärmepreise bei.
Die Gewinnmargen sind im Zeitraum 2022 bis 2024 gegenüber 2019 bis 2021 insgesamt gesunken. Die Branchenuntersuchung ersetzt jedoch keine detaillierte Einzelfallprüfung. Der strukturelle Handlungsbedarf bei Wettbewerb, Transparenz und Kundenrechten bleibt bestehen.
Empfehlungen der BWB
„Fernwärme ist von lokalen Monopolen und Abhängigkeiten geprägt. Einmal ans Netz angeschlossen, ist ein Wechsel kaum mehr möglich. Umso wichtiger sind ein klarer Rechtsrahmen, transparente Preise und eine wirksame Kontrolle“, erläutert die Generaldirektorin der BWB, Natalie Harsdorf.
Aus den Ergebnissen der Untersuchung leitet die BWB folgende Empfehlungen ab:
Wettbewerb
- Systemwettbewerb ermöglichen und Anschlusszwänge vermeiden
- Wettbewerb bei fernwärmebezogenen Dienstleistungen stärken
- Mehr Transparenz bei fernwärmebezogenen Dienstleistungen
- Dritteinspeisung in Fernwärmenetze erleichtern und klar regeln
Kontrolle
- Zur Sicherung der Rechte von Endnutzerinnen und Endnutzern eine unabhängige sektorspezifische Schlichtungsstelle mit Hoheitsrechten einrichten
- Zur Sicherstellung eines transparenten und diskriminierungsfreien Zugangs Dritter zu Fernwärmenetzen eine Schlichtungsstelle als Mediator beauftragen
- Reform und Neuausrichtung der öffentlich beauftragten Plattform www.waermepreise.at
- Veröffentlichung der Preisbescheide (inkl. zugrundeliegender Gutachten) und Delegationsbescheide für die Lieferung von Fernwärme
- Folgekosten von Netzerweiterungen transparent machen
Einheitliche rechtliche Rahmenbedingungen
- Einheitlicher und vereinfachter Rechtsrahmen für den Fernwärmesektor
- Bei Preisänderungen auf unabhängige Indizes zurückgreifen
- Hohen Anteil variabler Preisbestandteile sicherstellen
- Einheitliche Mindestrechte schaffen
- Einheitliche Mindestangaben für Tarifblätter, Wärmeverträge und Rechnungen sowie Vorschreibungen analog zu Strom und Gas für alle Stufen bis zu den Kundinnen und Kunden
Wettbewerbscheck für künftige Maßnahmen
Über die 14 Empfehlungen hinaus sollten auch künftige regulatorische und gesetzgeberische Maßnahmen im Fernwärmesektor konsequent auf ihre wettbewerblichen Auswirkungen geprüft werden. Ein solcher Wettbewerbscheck soll dazu beitragen, funktionsfähige Märkte, eine effiziente Ressourcennutzung und das Gemeinwohl zu fördern.
Rückmeldungen zur Branchenuntersuchung
Sie können gerne Ihre Überlegungen und Anregungen zur Branchenuntersuchung per E-Mail an wettbewerb@bwb.gv.at senden.