32. Competition Talk der BWB „Wettbewerb, Innovation und inklusives Wachstum"​

Am 12.9.2017 fand der bereits 32. Competition Talk in den Räumlichkeiten des Hotels Stefanie statt. Als Gastvortragender wurde Univ.-Prof. Dr. Christian Keuschnigg eingeladen, welcher als Professor für Nationalökonomie an der Universität St. Gallen tätig ist und das Wirtschaftspolitische Zentrum St. Gallen und Wien leitet. Der Vortrag des Referenten wurde auf Video aufgezeichnet und steht über unten angegebenen Link zum Abruf bereit.

Thema „Wettbewerb, Innovation und inklusives Wachstum"​

Einleitung

Generaldirektor Dr. Theodor Thanner begrüßte Prof. Keuschnigg sowie die Gäste des 32. Competition Talk und nutzte die Gelegenheit Bilanz zu ziehen. In der druckfrisch erschienenen Broschüre  Band 3 der Competition Talks wurden die vergangenen Veranstaltungen (Competition Talk 18. bis 31.) redaktionell aufbereitet und an die anwesenden Gäste verteilt.

Mit einem Zitat von Prof. Keuschnigg wonach „[…] eine neuere Untersuchung zur Frage des Wachstums einer dynamischen Marktwirtschaft ermittelt hat, dass Anfang der 2000er Jahre etwa 22% der Produktivitätssteigerungen in der britischen Nahrungsmittelindustrie einer Verschärfung der Wettbewerbspolitik zuzuschreiben sind", stellte GD Dr. Thanner eine Verbindung zwischen Wirtschaft und Wettbewerb her und übergab das Wort an den Speaker.

Vortrag von Univ.-Prof. Dr. Keuschnigg 

In seinem Vortrag machte sich Prof. Keuschnigg vor allem Gedanken über die gesamtwirtschaftliche Rolle des Wettbewerbs und was es für die Gesamtwirtschaft bedeutet, wenn der Wettbewerb zum Zuge gelangt.

Preise steuern die Wirtschaft, dort wo die Preise steigen, sei die Wertschätzung der Konsumenten hoch. Wenn der Preis für die Leistung stimme, würden sich auch Investitionen lohnen. Unternehmen wollen mehr davon produzieren, wo sie gut verdienen könnten. Wenn der Wettbewerb funktioniere, sei es durch innovative heimische Unternehmer oder durch Importkonkurrenz, könnten die Preise und Gewinne nicht in den Himmel schießen. Mehr als für eine gute Leistung würden die Konsumenten nicht zahlen. Gute Qualität zu wettbewerblichen Preisen würde ihnen mehr Kaufkraft geben und steigere zusätzlich das Realeinkommen. Somit sichere der Wettbewerb, dass der Wohlstand breit ankommt, erläuterte Prof. Keuschnigg.

Doch der Wettbewerb funktioniere nicht immer. Die Spielregeln im Wettbewerb müssten für alle (gleich) gelten. Die Wettbewerbsbehörden müssten wachsam sein, damit „die Spieße gleich lang bleiben", so Prof. Keuschnigg. Es sei demnach nicht fair, wenn in der Wirtschaft große Konzerne ihre Marktmacht ausnutzen, die Konsumenten mit überhöhten Preisen übervorteilen und neue Konkurrenz behindern oder gar ganz ausschließen würden, anstatt durch bessere Leistung zu glänzen. Wettbewerbsfeindliches Verhalten verhindere, dass sich ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis durchsetzen kann und schadet den Verbrauchern in zweifacher Weise. Erstens würden die Preise zu hoch, das reduziere das Realeinkommen. Als zweiter wesentlicher Aspekt wird gesehen, dass dadurch ein besseres Angebot nicht zustande kommen würde. F&E-Investitionen würden sich nicht rentieren, wenn nachher der Absatz nicht stimmt und die Erlöse nicht erzielt würden, weil es am Marktzugang hapere. Wenn etablierte Konzerne ihre Marktmacht ausüben und den Markt abschotten, würden sie die Innovation durch neue Anbieter behindern.

Der Wettbewerbspreis sei die unparteiische Messlatte, die den fairen Gewinn als Entschädigung für eine Leistung bestimme. Abweichungen davon würden zu einer Umverteilung führen, also eine Verschiebung von den Konsumenten zu den Produzenten. Dies schaffe weiteres Einkommen dort, wo bereits Einkommen konzentriert ist. Dies ginge zu Lasten der Konsumenten und damit des breiten Mittelstandes. Steigende Preise als Folge ausgenutzter Marktmacht führen daher zu überrissenen Gewinnen auf Kosten des Mittelstands und der unteren Einkommen. Beispielsweise überhöhte Rohölpreise, Telefongebühren und überrissene Managergehälter würden zu einer Umverteilung führen, dies seien also Einkommen, die nicht mehr auf Leistung beruhen sondern es würde ein zusätzliches Einkommen erwirtschaftet. Gesamtwirtschaftlich fördere daher ein mangelnder Wettbewerb Ungleichheit.

Dass mangelnder Wettbewerb die Ungleichheit fördere, sei aber nichts, was man vernachlässigen könne. Die neuere Forschung (vor allem in den USA) würde zeigen, dass gerade in technologisch und innovativ neuen Branchen zunehmend die „Superstar-Firmen" den Markt dominieren würden und daher Konzentration und Marktmacht steige. Dies mag teilweise an Netzwerkeffekten und den neuen Technologien liegen, dass die Sieger im Innovationswettbewerb fast alles bekomme und für die Konkurrenz wenig übrigbliebe. Die Firmenwerte von neuen Firmen wie etwa Google, Facebook, Apple, Amazon und dergleichen würden die Marktkapitalisierung der „alten Wirtschaft" wie etwa die der internationalen Autokonzerne bei weitem in den Schatten stellen. Das sei das Resultat von überlegener Innovation und auch Glück. Diese Firmen haben dann oft auch einen Anreiz, ihre Position, ua mit wettbewerbsfeindlichen Strategien, zu zementieren. Dies sei eine Herausforderung für die Wettbewerbspolitik. Die Profite dieser Firmen gehen jedenfalls weit über eine wettbewerbliche Kapitalrendite hinaus und sind zum Teil Renteneinkommen, die auf dem Glück in der Innovation und auf konzentrationsfördernde Netzwerkeffekte beruhen.

Weiters fördere Wettbewerb den sozialen Aufstieg, wie es der Traum vom „Tellerwäscher zum Millionär" verheißt. Für viele führe der Weg über Selbstständigkeit, Unternehmertum und Innovation nach oben. Die Chance auf hohe Einkommen bleibe jedoch eine wesentliche Triebkraft für Risikobereitschaft und Unternehmertum. Daher sei Innovation immer auch mit dem Erfolg einzelner herausragender Erfinder und Unternehmer verbunden. Wie könnten sich die Aufsteiger ohne freien Marktzugang und fairen Wettbewerb je durchsetzen?

Abschließend führte Prof. Keuschnigg aus, dass Empirische Ergebnisse auch zeigen würden, dass der Einkommensanteil der Top 1% Verdiener steige, wenn die Anzahl der Patente pro Kopf der Bevölkerung zunehme. Die Forscher führten etwa 22% des Anstiegs des Top 1% Einkommensanteils auf Innovation zurück. Zwar würden die Top 1% der Einkommen zu nehmen, doch dieser Reichtum sei im Wettbewerb erkämpft und hat viele nach oben mitgenommen. Das sei anders zu bewerten als Reichtum, der durch Abschottung und Behinderung des Wettbewerbs verteidigt würde und damit die Ungleichheit zementiere.

Zunehmende Ungleichheit könne man im Nachhinein mit progressiven Steuern oben und Einkommenszuschüssen unten korrigieren. Das sei leistungsfeindlich, behindere das Wachstum und schmälert den Kuchen, den es zu verteilen gibt. Noch besser sei es nach Prof. Keuschnigg, in Bildung zu investieren, damit möglichst viele der Armut entfliehen und sozial aufsteigen könnten. Und mit griffiger Wettbewerbspolitik den Reichtum oben aufzubrechen, wo er nicht mehr durch Leistung verdient werde. Diese vorbeugende Politik sei die beste Garantie, dass anstößige Ungleichheit erst gar nicht entstehe, und fördere das Wachstum. Eine griffige Wettbewerbspolitik sichere weit mehr als nur Effizienz und Wachstum in der Wirtschaft. „Diese verspricht Fairness, eine hohe soziale Mobilität und inklusives Wachstum mit Chancen für alle", so Prof. Keuschnigg abschließend.

Ausblick

Nach der Diskussionsrunde bedankte sich GD Dr. Thanner bei Prof. Keuschnigg und verwies auf den nächsten Competition Talk der BWB, welcher am 24.10.2017 zum Thema „Leitfaden der BWB zu Hausdurchsuchungen" stattfinden wird.

Videoaufnahmen des 32. Competition Talk

(Video öffnet in eigenem Fenster)

1. Einleitung GD Dr. Thanner und Vortrag Prof. Keuschnigg

2. Diskussion